chic & schön
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Der Nerz meiner Mutter

Da liegen sie vor mir, zwei kleine, schlanke Nerze und schauen mich an – traurig, aus gläsernen Augen. Schmal sind sie und mit zwei Fäden verbunden. Sie haben sogar noch Schwanz und Krallen. Sie glänzen wunderschön, aber sie sind auch ein klein bisschen struppig, wenn das Licht auf ihr dunkelbraunes Fell fällt. Mein Vater hat sie gekauft, für meine Mutter. Als Stola, als Halskrause oder weil sie noch im Budget drin waren?
Natürlich hat er nicht nur die zwei kleinen, traurigen Nerze gekauft, sondern auch ein Nerzjäckchen, das obligatorische Nerzjäckchen. Eine Dame damals trug Nerz, Mantel oder zumindest Jäckchen, beim Theaterbesuch und über dem Abendkleid. Jackie Kennedy, Soraya, Marlene Dietrich.Damen und Diven trugen einfach Nerz. Wann hat es meine Mutter eigentlich getragen? Ich kann mich nicht erinnern. Sicher im Theater, vielleicht an Silvester? Das Nerzjäckchen war eines d e r Statussymbole der Wirtschaftswunderjahre. Wahrscheinlich wollte sie es gar nicht wirklich, aber sie hatte es und jetzt habe ich es. Zu schade zum Wegwerfen, irgendwie auch ganz schön, weich, schmeichelhaft, zum Anprobieren, aber nicht zum Anziehen? Das kommt nicht wirklich in Frage. Warum fällt es mir gerade jetzt ein? Vielleicht hätte ich doch… über die grüne Seidenbluse an Silvester… tot ist tot, der Nerz ist ein für alle mal gestorben. Einmal habe ich in einer Auslage ein schickes Bolero aus Nerz gesehen, das könnte ich mir machen lassen, habe ich gedacht und es sogleich wieder vergessen. Am besten ich vergesse auch das Nerzjäckchen wieder und hänge es in den Schrank bis nächstes Jahr.
Hermine hätte es sicher längst zu Oxfam gebracht oder würde es anziehen…

Stimmt Gianna, ich ziehe meine Nerzjacke an und zwar aus einem Grunde: Sie hing so unbeachtet in einem Second-Hand-Laden mit Räumungsverkauf: Der arme Nerz wurde schon Jahre vor mir der Öffentlichkeit präsentiert. Neu: never! Da bin ich überzeugte Pelz-Gegnerin.
Aber mein Vintage-Pelz wird getragen! Warum soll ich ihn denn im Schrank einmotten? Denn: Er ist ein weiß-graues Jäckchen aus den Fifties oder Sixties, genau aus der Zeit, aus der mein absoluter Lieblings-Film mit Cary Grant und Doris Day stammt: „Ein Hauch von Nerz“! Eine umwerfend witzige Hollywood-Komödie, unbedingt bei den aktuellen Temperaturen sehenswert, ach… einfach immer ein cineastisches DvD-Vergnügen daheim!
Ach so, wann ich meinen chicen Nerz nun trage? Gar nicht! Er ist meine Kuscheldecke, wenn – wie am Wochenende – Eisblumen an meinen Fenstern blühen und im Player Doris-Day-Filme glühen…

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