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„Einsame Klasse“- das Leben der Marlene Dietrich

Ich dachte, ich wüsste fast alles über das Leben der Marlene Dietrich, da ich vor vielen Jahren die Biographie von Maria Riva, Marlenes einziger Tochter, verschlungen hatte, das oft verstörend ehrlich war oder schien. Und gemeinhin meint man, alles über die Dietrich zu wissen: Deutschlands ersten Hollywoodstar, der an der Seite der Größten gespielt hat. Die als erste Frau Hosen trug, Männerkleidung und nicht nur damit Skandale provoziert hat. Die mit fast allen Filmpartnern und -Partnerinnen im Bett war, Maurice Chevalier und Jean Gabin geliebt hat. Deren Liebhaber Erich Maria Remarque, Yul Brynner und Cary Cooper hießen. Die gebildet und klug war und grausam sein konnte, die einerseits vergöttert wurde und sich trotzdem gleichzeitig nach Liebe gesehnt hat. Die als amerikanische Staatsbürgerin an der Front die „Boys“ unterhalten hat und sich nicht von Goebbels und Hitler als deutscher Filmstar vereinnahmen ließ.

Zum 25. Todestag der Marlene Dietrich…

… ist allerdings ein Buch erschienen, in dem sich die von mir sehr verehrte Autorin, Eva Gesine Baur, Marlene Dietrich und ihrer Zeit widmet. Dieses Buch, meine Damen, habe ich gestern Nacht zerfleddert und erschöpft aus der Hand gelegt: Nach über 550 Seiten dieser beeindruckenden Biographie habe ich das Gefühl, fast ein Jahrhundert miterlebt zu haben: Deutsche Geschichte, Filmgeschichte, Hollywood-History und das Leben einer Schauspielerin, die es mit preußischer Disziplin und viel Können geschafft hat, zu einem Mythos zu werden: Marlene Dietrich, die umschwärmte Diva, die ein Leben lang darüber geklagt hat, einsam zu sein.

Vamp, Diva, Mythos

Denkt man an Marlene, sieht man sie vor sich, mondän im Frack, mit blonder Mähne und den typischen hochgemalten Augenbrauen als Schauspielerin oder mit dem berühmten Schwanenfedern-Mantel im Paillettenkleid als Sängerin auf der Bühne, die „Lilli Marleen“ und „Sag’ mir, wo die Blumen sind“ mit ihrer unverwechselbaren Stimme gurrt: All das ist die Dietrich. Und noch viel mehr! Bei diesem Blick in die Geschichte fasziniert nicht nur der Aufstieg der Marie Magdalene Dietrich, die als Außenseiterin in dem Berlin der Jahre 1901 bis 1914 aufwächst, den Vater verehrt, von der Mutter alles lernt über Tugenden, zurückgehaltene Tränen und Bildung. Erzählt wird eine Backfischzeit, in der Spitzenleistung Pflicht ist und über die ersten Schritte in eine beispiellosen Karriere als Schauspielerin, die mit „Der blaue Engel“ von Josef von Sternberg, in dem sie als „fesche Lola“ Professor Unrat mit Zylinder und schönen Beinen rettungslos den Kopf verdreht, den Durchbruch zu einer Weltkarriere schaffte! Spannend beschrieben, auch der Weg der molligen Marlene aus Berlin in den Olymp Hollywoods, in die gnadenlose Filmmaschinerie.
Josef von Sternberg, er erschuf sie schlank, schön und geheimnisvoll und die Dietrich wurde eine Hollywood-Königin mit astronomischen Gagen und einem unglaublichen Privatleben: Ein Star mit Allüren und Extravaganzen, eine junge Mutter, die sich der Presse präsentiert, die sich selbst als Diva, Vamp, Mythos erfindet und deshalb bis heute eine Legende ist. Wie sie alle Rollen, Männer, Frauen, Liebhaber und Liebhaberinnen bekommen hat, ihr Privatleben organisiert, ihren Hofstaat um sich geschart, alle geliebt hat, um geliebt zu werden – das beschreibt diese Biographie exzellent. Sie zeigt den Hollywoodstar, der für die Kollegen teuren Schmuck kauft, stapelweise Telegramme schickt und Rindrouladen kocht. Aber auch ihre unendliche Einsamkeit und die Angst davor, das ist das große Thema in „Einsame Klasse“. Es geht auch um die Rolle der Dietrich im Zweiten Weltkrieg, der Weltstar in Uniform bei der Truppenbetreuung, der Zwist mit Deutschland. Und dann noch der späte Ruhm der Marlene Dietrich als Sängerin, als Bühnenstar, in einem Alter, in dem andere längst abgetreten sind. Und trotzdem: sie hat ein einsames Leben an der Seite aller Berühmtheiten geführt. Und nicht zuletzt ihre Legenden-Bildung selbst inszeniert, in den letzten zurückgezogenen Jahren in Paris, wo Maximilian Schell die legendäre Dokumentation – nur mit ihrer Stimme – über das Leben der Legende, des Ex-Filmstars gedreht hat.

Die Autorin

Eva Gesine Baur hat präzise recherchiert, das zeigen nicht nur der umfangreichen Anmerkungen. Sie erzählt die Geschichte der Marlene Dietrich in einer wunderbaren Sprache, analysiert und ordnet die Legende in ihren historischen und privaten Kontext ein. Eva Gesine Baur schreibt eine faszinierende Biographie! Klug gewählt auch der Titel „Einsame Klasse“. Wie kam es, dass diese umschwärmte Diva ein Leben lang über Einsamkeit klagte, die Liebe zu ihrem einzigen Kind nicht erwidert wurde? Sie über 50 Jahre mit ihrem Mann verheiratet blieb der stets präsent war und ihre Korrespondenzen archivieren sollte.

Das Damen-Prädikat: Unbedingt lesen! Genauso übrigens wie die anderen Bücher von Eva Gesine Bauer – unter anderem über Puccini und Verdi, Charlotte Schiller, Chopin und Mozart . Sie alle sind mit dem Prädikat versehen: brillant erzählt!

„Einsame Klasse“-Das Leben der Marlene Dietrich von Eva Gesine Baur, erschienen im C.H. Beck Verlag

1 Kommentare

  1. Karin sagt

    Meine Dame, ein Sommer mit langem Urlaub liegt vor mir, da gibt es viel Zeit zum Schmökern und jeder Buchtipp ist willkommen. Ich habe mir schon einige der vorgestellten Bücher besorgt und gelesen und wurde von den Tipps nie enttäuscht.

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