Kolumne, Leben
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La vie en Rosé

Ist das nicht ein fantastischer Sommer? Ich genieße ihn zur Zeit (fast) jeden Abend bei einem Glas Rosé, denn dieser, mal hell, mal kräftig schimmernde Wein ist für mich der Inbegriff des Sommers. Eigentlich sollte dieser Beitrag ein Loblied auf den Sommer und die großartigen Rosé-Weine werden – aus Italien, Frankreich und natürlich aus Deutschland – die ich getrunken und probiert habe.
Aber, liebe Ladies, wie das Leben so spielt, geriet ich bei meinem letzten Glas Rosé aus Franken, der mich übrigens gar nicht überzeugt hat, nebenbei, ins „googeln“ und landete auf der Plattform „Edition F, das digitale Zuhause für Frauen“.

Stil-Ikonen über 60

Wow, toll, dachte ich, eine Plattform, die sich rundum mit allem befasst, was uns Frauen interessiert: Karriere, Kinder, Familie, Stressbewältigung, Beziehungen, Engagement, sogar Mode, Essen und Freizeit kommen nicht zu kurz. Allerdings habe ich dann ziemlich schnell festgestellt, dass anscheinend alle Frauen heute zwischen dreißig und Mitte vierzig sind: die Managerin, die erfolgreiche Journalistin, die Mutter mit Kindern, die Familie und Karriere unter einen Hut bringt, die „Ratgeberin“, die Bloggerin… Wir, meine Damen, kommen da gar nicht vor. Sorry, doch, ganz am Rande, in einem Interview mit dem Modefotografen Ari Seth Cohen über Stil-Ikonen über 60. Es ist ein Mann, der sich fragt, warum so wunderbare Frauen – wie seine Großmutter – aus der Gesellschaft einfach verschwinden.

Die Apotheken Umschau reicht

Ansonsten: Über fünfzig oder gar über 60? Also nein, wer spielt denn in diesem Alter noch eine Rolle (es sei denn als Kanzlerin), wer tritt da noch in Erscheinung oder hätte noch etwas zu sagen? Nicht, dass mich der Rosé melancholisch oder pessimistisch gemacht hätte, nein, aber diese Dominanz ist mir auch schon bei so mancher Veranstaltung auf der Fashion-Week in Berlin aufgefallen. Dort richteten sich erschrockene Blicke auf mich, als ich auch einen Kommentar abgab als es – doch tatsächlich – über die allerdings als abwesend vermutete – „ältere Generation“ ging. Es sind die Dreißiger- Mitdreißigerinnen, die mit ihren Problemen, Anliegen und Vorstellungen dominieren – sich als der Mittelpunkt der Welt fühlen. Wahrscheinlich waren wir in diesem Alter ähnlich: die Welt offen, das Leben vor uns. Die Generation 50+ braucht keine Mutmacherportale, keine Weltverbesserer-oder Karriere-Plattformen mehr, da reicht doch die Apotheken Umschau – oder? Naja, ganz gut Erhaltene dürfen noch auf Werbeplakaten auftauchen, denn konsumieren, das sollen wir ja noch, auch wenn wir sonst langsam von der Bildfläche verschwinden.

Unsichtbar ab 50

Vielleicht hat mich auch ein Artikel im SZ-Magazin sensibilisiert, in dem eine über Fünfzigjährige schildert, wie ein Kellner im Biergarten ganze zwanzig Minuten durch sie hindurch gesehen hat, sie einfach nicht wahrgenommen hat, obwohl sie mehrfach versuchte, zu bestellen. Aber anscheinend sind es nicht nur die Kellner, meine Damen, die uns Damen übersehen. Das bestätigt auch ein Blick auf die Referentinnen des sog. „femalefutureforceday“ den die Frauenplattform in Berlin veranstaltet. Ich wage zu behaupten, dass keine über 60 dabei ist.
Was machen wir also? Verschwinden? Oder mal mit unserem virtuellen Stöckchen unseren jungen Zeitgenossinnen (den Kellnern sowieso) gehörig auf die Schulter klopfen und sagen – hey wir sind auch noch da?
Oder uns das ganze aufgeregte Spektakel bei einem Glas Rosé von weitem anschauen? Nach dem zweiten Glas und etwas Sinnieren finde ich es aber irgendwie schon ärgerlich. Da tun diese jungen Powerfrauen so, als würden sie die Welt und die Emanzipation gerade neu erfinden, dabei haben wir für sie den Weg bereitet und könnten durchaus – nicht nur historische – Beiträge liefern. Aber anscheinend passen wir nicht mehr ins Bild. Also, Prost meine Damen – ich wähle, glaube ich jetzt mal einen klassischen Chiaretto – den berühmten vino rosato vom Gardasee, irgendwie ein bisschen altmodisch, aber immer wieder frisch, fruchtig und bekömmlich. Eigentlich so wie wir 🙂

 

 

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