Kolumne
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Weckgläser gehen mir allmählich auf den Wecker

Kann ich bitte einmal wieder mit Messer und Gabel essen, wenn ich in einem der vielen chicen kleinen Cafés und Lokale eine Kleinigkeit schnabulieren will?
Oder muss ich jetzt alles aus dem Weckglas löffeln und trinken? Erst fand ich es ja noch lustig, dass Großmütterchens Weckglas (ein Klassiker und fast Küchenkulturgut!) wieder zu Ehren gekommen ist und feine Brotaufstriche und Mini-Couscous-Rote-Beete-Salate klein und appetitlich im Weck-Glas auf den Tisch kamen… nette Idee. Wie früher bei Omi im Keller: Pfirsichkompott und eingelegter Kürbis. Endlich gibt es die praktischen und hübschen Weckgäser wieder zu kaufen, damit kann man Allerlei im Kühlschrank aufbewahren oder jemanden was feines Kleines darin mitbringen kann. Macht hässliches Plastikgefäß überflüssig. Wunderbare Weckgläser!
Aber jetzt gehen mir die Glashaferl und ihre Verwandten allmählich auf den Wecker und zwar alle! Letztens im kühl-eleganten Restaurant: Die hausgemachte Ingwer-Apfel-Minz-Limonade, die ich für immerhin €4.50 meistens dort trinke: Jetzt wird sie mir in ein einem Glas mit Schraubverschluss, mit Deckel und einem Loch für den Stroh-Halm drin, serviert. Bin ich auf einem Kindergeburtstag?
Ich esse doch keine confierte Ente und Spinatflan und nuckle dann an einem Kinderfläschchen für Erwachsene? Aus der Schnabeltasse muss ich noch früh genug trinken! Üben kann man ja bis dahin mit „Coffee to go“-Bechern. Werden wir alle zu einer neuen Nuckelgeneration zwischen Baby und Greisentum? Den dämlichen Deckel herunterschrauben bringt ja auch nix, dann muss ich am gewölbten Rand der Schraubkurve nippen. Muss ich mir die Lippen aufspritzen lassen, um eine Ingwer-Apfel-Minz-Komposition ohne Komplikationen zu trinken?
„Das haben wir jetzt so“- ist der Kommentar der liebreizenden Bedienung und meine Bitte nach einem ganz normalen Glas wird zwar sofort, aber mit mitleidigem Blick erfüllt: Wie hoffnungslos altmodisch! Aus einem Glas trinken…!
Im goldigen Café mit so reizenden Kaffee-Kreationen wie „Frau Schneider“ und „Frollein Schneider“: Der Kaffee wird im Glas serviert, drumrum eine niedliche Serviette gewickelt, die dann aber mit einer Wäscheklammer befestigt ist? Warum darf ich bitte bitte, bitte keine Tasse haben, wo schließlich im Jahr 1673 der Henkel vom gleichnamigen Grafen erfunden wurde? „Das ist unser Konzept“ flötet die Bedienung im Rosenresli-Heidi-Schneewittchen-Look. Und ich steh da wie die böse Hexe aus dem Kaffeehausmärchen.
In der Nudel-Werkstatt: Wieder das Weck-Glas! Ich mag meine Pasta mit Tomatenpesto und Rucola nicht rausangeln! Ich bin doch nicht auf dem Schulausflug! Und der himmlische Blatt-Salat mit Orangendressing – gerne beim Picknick, aber: Es ist Februar- ich sitze in einem Lokal und esse…
und zwar mit einem Göffel! Ja, meine Damen: So schaut es jetzt aus: Wer braucht noch Gabel und Löffel?! Ha! Das wird jetzt zu einem Besteck-Teil verschmolzen und schon „göffle“ ich meine Nudel aus dem Weck-Glas. Und dafür hab ich so schön artig am elterlichen Esstisch mit Gabel und Schieberle und Serviette auf dem Schoß „wie eine Dame essen“ gelernt? Dafür, dass ich jetzt schaufle wie die Gefangene von “Amuse-Gueule“?
Aber, nachdem wir ja nicht mal mehr kraftvoll in einen Apfel beissen müssen wie bei der ollen Werbung „Mutti, Mutti – er hat überhaupt nicht gebohrt!“ oder eine Kiwi oder Banane schälen…
da wir ja nicht mehr beissen, kauen und schlucken müssen, sondern nur noch alles als „Smoothies“ zu uns nehmen, können wir und doch einfach Nudel und Salat und die Ingwerlimo als einziges „Lunch-Smoothie“ pürieren lassen… und bestellen einfach nur: “to schlürf“…

Eure Hermine

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